Hat die Schweiz eine Geostrategie – oder reagiert sie, solange es noch gut geht? Ein dialogischer Kommentar zur Schweizer Aussenpolitik

Warum der Soziator zur Schweizer Aussenpolitik Stellung nimmt.

Der Anstoss, kam nicht aus der Tagespolitik, sondern aus der Lektüre eines Buches: “So beherrscht man die Welt” von Pedro Baños. Baños war über Jahre Chef der Spionageabwehr und Sicherheit für die europäischen Streitkräfte. Heute gilt er als einer der profiliertesten geopolitischen Analysten Europas. Sein Buch ist keine Prognose im klassischen Sinn, sondern eine nüchterne Analyse von Machtbeziehungen, Interessen, Abhängigkeiten und strategischem Denken in einer fragmentierten Weltordnung. Gerade deshalb ist es aktuell wie selten zuvor. Diese Lektüre hat beim Soziator eine unbequeme Frage ausgelöst: Wie steht die Schweiz strategisch da in einer Welt, die zunehmend von geopolitischer Logik statt von Regelgläubigkeit geprägt ist? Diese Frage ist nicht theoretisch. Sie berührt Grundannahmen unseres politischen Selbstverständnisses – Neutralität, Multi- und Bilateralismus, wirtschaftliche Verflechtung – und zwingt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Positionierung. Nicht im Sinne von Parteinahme, sondern im Sinne von Neu-Orientierung.

Wo und wie steht unsere Aussenpolitik heute?

Die Schweizer Aussenpolitik präsentiert sich nach aussen professionell, stabil und berechenbar. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich die Frage, ob sie strategisch agiert oder primär reagiert. Ob sie antizipiert oder sich von Ereignissen treiben lässt. Ob sie eigene Interessen explizit formuliert – oder darauf vertraut, dass bewährte Prinzipien auch unter veränderten globalen Bedingungen ausreichen. Die jüngsten internationalen Entwicklungen und aussenpolitischen Entscheidungen und Handlungen zeigen: Diese Fragen sind nicht akademisch. Sie sind existentiell – für Handlungsfähigkeit, Glaubwürdigkeit und langfristige Resilienz.

Warum diese Fragen auch Gemeinden betreffen?

Als Soziator arbeite ich an der Schnittstelle von Kommunikation, Partizipation, Machtbeziehung und Governance – vor allem auf kommunaler Ebene. Genau dort, wo globale Entwicklungen oft als abstrakt wahrgenommen werden, ihre Auswirkungen jedoch konkret spürbar sind: in Entscheidungsdruck, in Unsicherheit, in Zielkonflikten, in der Frage nach Orientierung und Führung. Was auf nationaler Ebene als fehlende Geostrategie sichtbar wird, zeigt sich auf kommunaler Ebene oft in anderer Form: als reaktives Handeln, als fehlende Szenarien und Massnahmen, als Ausweichen vor Machtfragen, als Überbetonung kurzfristiger Sachzwänge. Gerade deshalb ist die Auseinandersetzung mit Aussenpolitik für Gemeinden nicht „zu gross“ – sondern im Gegenteil hoch relevant. Sie bietet Erkenntnisse darüber, wie mit Unsicherheit und zunehmendem Unwohlbefinden in der Bevölkerung umgegangen wird, wie sinnstiftende Orientierung entsteht und wie ausgewogene Interessensbeziehungen und strategische Kommunikation jenseits von Tagesgeschäft möglich wird.

Der Sinn dieses Kommentars

Dieser Text ist kein aussenpolitisches Gutachten und kein geopolitisches Manifest. Er ist ein Denkimpuls. Er will Zusammenhänge sichtbar machen, Fragen zuspitzen und eine Brücke schlagen – von der globalen Ebene zur kommunalen Praxis. Denn wenn sich zeigt, dass selbst ein hochentwickelter Staat wie die Schweiz Mühe hat, strategisch über Machtbeziehung, Abhängigkeit und Zukunft zu sprechen, dann sind die abschliessenden Fragen dieses Beitrags nicht nur legitim. Sie sind notwendig! Die Schweiz versteht sich als neutral, souverän und gut vernetzt. Dieses Selbstbild hat lange getragen – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Doch in einer Welt, die sich geopolitisch neu sortiert, stellt sich eine Frage, die zunehmend drängt und zugleich irritiert: Verfügt die Schweiz über eine Geostrategie – oder lebt sie von der Annahme, dass bewährte Prinzipien auch unter veränderten Bedingungen genügen? Wer diese Frage stellt, rührt an Grundfesten des politischen Selbstverständnisses. Denn die Schweiz hat sich nie als strategischer Akteur im klassischen Sinn verstanden. Und doch ist sie heute tief in globale Macht-, Abhängigkeits- und Interessenkonstellationen eingebettet – wirtschaftlich, technologisch, regulatorisch.

Prinzipien ersetzen keine Strategien

Was wir in der Schweiz haben, sind starke Prinzipien: Neutralität, Multi-und Bilateralismus, gute Dienste, Rechtsstaatlichkeit. Diese Prinzipien sind wertvoll. Die Frage ist jedoch, ob sie als strategischer Rahmen ausreichen, wenn sich die internationale Ordnung fragmentiert, Machtbeziehung offener ausgespielt wird und wirtschaftliche Verflechtung selbst zum geopolitischen Instrument geworden ist. Es existieren thematische und regionale Teilstrategien – etwa zu Handel, Entwicklung oder einzelnen Weltregionen. Was fehlt, ist eine verbindende Klammer: eine explizite Geostrategie, die Interessen, Risiken, Chancen, Abhängigkeiten und Handlungsspielräume zusammendenkt. Ohne diese Klammer bleiben Entscheidungen kontextabhängig, situativ und oft reaktiv.

Reagieren wir, weil es bequemer ist?

Die Schweizer Aussenpolitik wirkt häufig wie ein gut geölter Verwaltungsapparat, der zuverlässig reagiert, wenn Druck entsteht – international, wirtschaftlich oder politisch. Doch Reaktion ist nicht dasselbe wie Gestaltung. Antizipation erfordert die Bereitschaft, Unsicherheiten offen zu benennen, Szenarien durchzuspielen und Prioritäten zu setzen, bevor der Handlungszwang von aussen kommt. Hier zeigt sich ein systemischer Zielkonflikt: Das kompromissorientierte politische System fördert zwar Stabilität und Legitimität, erschwert aber strategische Zuspitzung. Strategie bedeutet Auswahl – und Auswahl bedeutet Verzicht. Vielleicht erklärt dies, warum strategische Debatten in der Schweiz oft vermieden oder entpolitisiert werden.

Neutralität: Schutzschild oder Denkabkürzung?

Neutralität ist eines der stärksten identitätsstiftenden Elemente der Schweiz. Doch wird sie zunehmend als Denkabkürzung verwendet: als implizite Antwort auf komplexe geopolitische Fragen. In einer Welt hybrider Konflikte, wirtschaftlicher Zwangsmassnahmen und technologischer Abhängigkeiten verliert Neutralität ihre klare Trennschärfe. Neutral zu sein heisst nicht, unbeteiligt zu sein. Finanzströme, Lieferketten, Datenräume und regulatorische Entscheidungen binden die Schweiz faktisch in globale Machtverhältnisse ein. Neutralität kann hier nur dann Orientierung bieten, wenn sie aktiv reflektiert und strategisch übersetzt wird – nicht, wenn sie als Selbstberuhigung dient.

Wenn Aussenpolitik zur Standortpolitik wird

Ein weiterer Befund drängt sich auf: Die Schweizer Aussenpolitik ist stark ökonomisiert. Beziehungen werden primär entlang wirtschaftlicher Interessen gestaltet – Freihandel, Exportmärkte, Standortattraktivität. Das ist nachvollziehbar für ein kleines, stark vernetztes Land. Problematisch wird es dort, wo wirtschaftliche Rationalität andere Dimensionen verdrängt. Fragen nach geopolitischer Resilienz, nach strategischen Abhängigkeiten oder nach langfristiger Positionierung treten oft erst dann auf, wenn sie sich wirtschaftlich bemerkbar machen. Damit wird Aussenpolitik zur nachgelagerten Risikoverwaltung, nicht zur vorausschauenden Gestaltung.

Ohne Szenarien keine Vorbereitung

Strategisches Handeln setzt voraus, dass unterschiedliche Zukunftsentwicklungen denkbar gemacht werden: eine weiter fragmentierte Weltordnung, blockartige Wirtschafts- und Technologiesysteme, eine Schwächung multilateraler Institutionen. Für jedes dieser Szenarien müssten nationale Interessen, Zielkonflikte und rote Linien definiert sein. In der Schweizer Debatte fehlt diese systematische Szenarienlogik weitgehend. Stattdessen dominiert die Hoffnung, dass sich die internationale Ordnung wieder stabilisiert – und dass bewährte Instrumente auch künftig ausreichen werden. Der blinde Fleck «Machtbeziehung» Vielleicht der sensibelste Punkt: Die Schweiz tut sich schwer damit, über Machtbeziehungen zu sprechen. Über eigene Einflussmöglichkeiten ebenso wie über strukturelle Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten. Machtbeziehung wird häufig externalisiert – als etwas, das andere ausüben –, während man selbst auf Recht, Prozesse und Moral verweist.

Doch Machtbeziehung verschwindet nicht, wenn man sie nicht thematisiert. Sie wirkt implizit weiter – in Märkten, Standards, Sanktionen und Regulierungen. Eine reflektierte Geostrategie würde Macht nicht glorifizieren, sondern sichtbar machen und verantwortungsvoll einordnen.

Führung ohne strategische Debatte?

Der Bundesrat, das EDA und NDB verfügen über Erfahrung, Expertise und internationale Vernetzung. Was ihnen jedoch fehlt, ist eine breit getragene strategische Debatte, die politische Rückendeckung für langfristige Orientierung schafft. Geostrategie kann nicht technokratisch und bürokratisch verordnet werden. Sie entsteht im Spannungsfeld von Politik, Öffentlichkeit und Institutionen – dort, wo Unsicherheit ausgehalten und Zielkonflikte offen benannt werden.

Offene Fragen zum Weiterdenken

  • Braucht die Schweiz eine explizite Geostrategie – oder widerspricht dies ihrem politischen Selbstverständnis?
  • Welche Interessen müsste eine solche Strategie überhaupt benennen, jenseits wirtschaftlicher Ziele?
  • Wie viel strategische Zuspitzung verträgt ein kompromissorientiertes System?
  • Wird Neutralität aktiv gestaltet – oder zunehmend als Denkabkürzung genutzt?
  • Welche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse thematisieren wir zu wenig?
  • Wo und wie müssten solche Debatten geführt werden: im Parlament, in der Verwaltung, in der Öffentlichkeit – oder ganz woanders?
  • Wie sieht die Schweiz im Jahr 2050 aus?

Einladung zum Dialog oder zum Zukunfts-Workshop:

Gemeinden und private Institutionen, die diese Fragen nicht nur diskutieren, sondern auch praktisch bearbeiten wollen, sind eingeladen, mit dem Soziator in Kontakt zu treten. Der Austausch beginnt oft mit einem Gespräch – und entwickelt daraus passgenaue Impulse, Referate oder Dialogformate.

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