
Bundesrat Ignazio Cassis äusserte sich zur Weltlage unter Trump und erklärte (siehe Interview mit der NZZ vom 20.01.2026), ich zitiere: «Wir müssen anerkennen, dass wir nicht mehr in einer regelbasierten Ordnung leben, sondern in einer regelbasierten Unordnung». Das ist keine Aussage, die auf einer plausiblen, fundierten Analyse gründet. Es ist ein politisches Narrativ – und ein gefährliches dazu. Denn historisch betrachtet leben wir Menschen immer in regelbasierten Ordnungen. Was sich nicht auflöst, sind Regeln und Ordnung an sich. Was sich verändert, sind die Regeln selbst: ihre Qualität, ihre Legitimation, ihre Absichten – und die Interessen, denen sie dienen. Die Transformation von alten zu neuen Regeln wird dabei fälschlicherweise als Unordnung interpretiert. Das ist kein semantisches Detail, sondern ein grundlegender Wahrnehmungsfehler mit politischen Konsequenzen. Dasselbe gilt für die ständig wiederholte Erzählung eines angeblich «globalen Machtwechsels». Macht ist kein wandernder Besitzstand. Macht ist eine biologische, soziale und systemische Konstante. Sie verschwindet nicht – sie organisiert sich neu. Was sich wandelt, sind Paradigmen, Deutungsrahmen und die Formen, in denen Macht legitimiert, durchgesetzt oder verschleiert wird. Wer diese Transformationen als Chaos oder Kontrollverlust beschreibt, entzieht sich politischer Verantwortung. Denn Unordnung impliziert Ohnmacht. Und Ohnmacht rechtfertigt Passivität.
Damit stehen wir vor einer unbequemen Frage:
- Handelt es sich hier um strategische Inkompetenz auf Führungsebene,
- kognitive Überforderung angesichts komplexer globaler Dynamiken oder
- um ein bewusst eingesetztes Ohnmachtsnarrativ, das eigene Nicht-Handeln legitimiert – auf Kosten der gesellschaftlichen Orientierung?
Alle drei Varianten sind problematisch. Denn politische Sprache formt Realität. Wer der Bevölkerung vermittelt, die Welt sei «unordentlich», erzeugt Verunsicherung. Wer suggeriert, Regeln zerfielen, untergräbt Vertrauen in Gestaltbarkeit. Und wer Transformation nicht erklären kann oder will, verliert Vertrauen und Führung. Gerade für die Schweiz ist das fatal. Ein Land, das sich auf Rechtsstaatlichkeit, Vermittlung und multilaterale Kompetenz beruft, kann es sich nicht leisten, Wandel als Ausnahmezustand zu deklarieren. Führung bedeutet nicht, Stabilität zu versprechen, sondern Transformation einzuordnen, zu benennen und aktiv mitzugestalten.
Fazit: «Regelbasierte Unordnung» ist aus soziologischer Sicht ein Widerspruch. Sobald Regeln wirksam sind, entsteht Ordnung – selbst dann, wenn das Ergebnis unerwünscht wirkt. Die eigentliche Krise ist nicht die Weltordnung. Die eigentliche Krise ist die sprachliche, begriffliche und strategische Verweigerung politischer Führung. Kurz und zugespitzt formuliert: Die eigentliche Krise liegt darin, dass politische Führung sich weigert, die Dinge klar zu benennen und strategisch zu führen. Paradigmenwechsel verlangt Orientierung, und Orientierung Führung.