
Die Generation der 20- bis 30-Jährigen steht an einem Wendepunkt. Sie wird in den kommenden Jahren Verantwortung übernehmen – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Gleichzeitig erbt sie die strukturellen Ergebnisse der Babyboomer-Generation: Wohlstand, aber auch Komplexität, Zielkonflikte und ungelöste Nachhaltigkeitsfragen. Und genau hier liegt ein oft übersehener Hebel: die Fähigkeit, komplex zu denken.
Ein nüchterner Blick auf die Realität
Die Schweiz gilt als lesestarkes Land. Rund 75–80 % der Bevölkerung lesen mindestens ein Buch pro Jahr. Doch diese Zahl täuscht. Entscheidend ist nicht, ob gelesen wird – sondern wie und warum. Nur etwa 30 % lesen regelmässig (monatlich). Davon liest die Mehrheit zur Unterhaltung. Lediglich ein kleiner Teil nutzt Lesen gezielt zur Wissensaneignung. Bei den 20- bis 30-Jährigen verschärft sich dieses Bild deutlich: Nur rund 4–6 % nutzen Lesen noch als systematisches Werkzeug zur Wissensentwicklung. Parallel dazu nutzen über 95 % der jungen Erwachsenen Social Media – ein Grossteil davon täglich. Information wird schnell, fragmentiert und emotionalisiert aufgenommen. Das verändert nicht nur, was Menschen wissen – sondern vor allem, wie sie denken.
Lesen ist neuronales Training – nicht nur Information
Vertieftes Lesen stärkt zentrale kognitive Fähigkeiten: Konzentration, Perspektivenübernahme, systemisches Denken und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verknüpfen. Es trainiert das Gehirn, Ambiguität auszuhalten und differenziert zu entscheiden. Social Media hingegen trainiert vor allem Reaktionsgeschwindigkeit, Mustererkennung und schnelle emotionale Bewertung. Beides hat seinen Platz. Aber für nachhaltige Entwicklung reicht das nicht aus.
Warum das für Gemeinden entscheidend ist
Nachhaltige Entwicklung – insbesondere im sozialen Bereich – basiert auf Fähigkeiten wie Reflexionsfähigkeit, Ambiguitätstoleranz und langfristiger Perspektivenbildung. Wenn jedoch nur ein kleiner Teil einer Generation diese Fähigkeiten aktiv trainiert, entsteht eine strukturelle Verschiebung: Entscheidungen werden schneller getroffen, Meinungen entstehen früher und tiefe Auseinandersetzung nimmt ab. Und genau diese Generation wird in Zukunft Gemeinderäte stellen, Organisationen führen und über lokale Zukunftsfragen entscheiden.
Die unterschätzte Dimension: Macht
Was in der Diskussion um Lesekultur oft übersehen wird: Es geht nicht nur um Wissen – sondern um Macht. In jeder Gemeinde wirken unterschiedliche Interessenlagen – zwischen Politik, Verwaltung, Bevölkerung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Diese Interessen sind nicht immer sichtbar, aber sie bestimmen Entscheidungen. Die Fähigkeit, diese Dynamiken zu erkennen, entsteht nicht durch schnelle Information – sondern durch vertieftes Denken. Wenn jedoch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Lesen als Werkzeug zur Wissensentwicklung nutzt, verändert sich etwas Grundlegendes:
Macht verschiebt sich.
Weg von reflektierter Auseinandersetzung hin zu schnellen Narrativen, emotionalen Reaktionen und verkürzten Deutungen. Gemeinden stehen damit vor einer neuen Realität: Entscheidungen werden nicht weniger komplex – aber die Fähigkeit, mit dieser Komplexität umzugehen, nimmt ab.
Die Rolle der Gemeinden
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht: „Lesen junge Menschen genug?“ Sondern: „Wer gestaltet die Bedingungen, unter denen Denken in Tiefe überhaupt noch möglich ist?“ Denn genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung. Die Förderung von Lesekultur ist keine klassische Bildungsaufgabe mehr. Sie berührt unterschiedliche Systeme gleichzeitig: Schule, Verwaltung, Politik, Vereine und Öffentlichkeit. Und sie berührt etwas noch Grundlegenderes: die Art und Weise, wie in einer Gemeinde mit Unterschiedlichkeit, Interessen und Perspektiven umgegangen wird. Damit verschiebt sich die Aufgabe: Weg von einzelnen Massnahmen – hin zur Gestaltung von Zusammenhängen.
Nicht: eine Bibliothek modernisieren und einen Lesekreis organisieren
Sondern: Räume schaffen, in denen Denken, Austausch und Perspektivenvielfalt überhaupt entstehen können. Formate entwickeln, die nicht nur informieren, sondern Beziehungen zwischen Perspektiven ermöglichen. Dynamiken sichtbar machen, die sonst im Hintergrund wirken.
Und genau hier zeigt sich eine Grenze:
Diese Art von Gestaltung entsteht nicht automatisch innerhalb bestehender Strukturen. Nicht, weil Kompetenz fehlt – sondern weil jede Organisation immer auch Teil der eigenen Dynamik ist. Was es dafür braucht, ist eine Perspektive von aussen, die nicht in bestehende Interessenlagen eingebunden ist – und genau deshalb in der Lage ist, diese sichtbar und bearbeitbar zu machen. Nicht als Beratung im klassischen Sinn. Sondern als Gestaltung von Räumen, in denen neue Formen von Verständigung überhaupt erst möglich werden.
Der eigentliche Punkt
Es geht nicht um Bücher. Es geht um eine Fähigkeit: Komplexität auszuhalten, zu verstehen und zu gestalten. Und diese Fähigkeit entsteht nicht zufällig. Sie braucht Räume, Anreize und soziale Einbettung.
Schlussgedanke
Heute nutzt fast jeder junge Mensch täglich Social Media. Aber nur ein Bruchteil baut aktiv Wissen über vertieftes Lesen auf. Und genau diese wenigen werden nicht allein die Zukunft tragen. Wenn Gemeinden nachhaltige Entwicklung ernst nehmen, müssen sie auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass mehr Menschen überhaupt in der Lage sind, nachhaltig zu denken.
Denn: “Lesekultur ist keine Bildungspolitik. Sie ist Machtarchitektur.”